Die große Kamera – Objektive und Gundsätzliches

Eine Großformatkamera ist kein einfaches Ding, wie schon die Bilder von der Shenhao zeigen. Man kann allein an der Schärfenebene herumbasteln, diverse Höhenverstellungen durchführen und hat zu guter Letzt auch noch mehrere Wege, die zum selben Resultat führen können. Dann muss man auch noch beachten, dass man die Objektive nicht überreizt und einiges andere.

Was aber ganz besonders klar sein muss, ist das Faktum, dass es hier keine Automatiken gibt: Nix! Nada! Wenn etwas nicht so ist, wie der Fotograf das wollte, liegt das am Fotografen, noch mehr als bei den digitalen Vollautomaten.

Das Objektiv

Objektive für Großformatkameras sind anders als das Gewohnte aus dem Kleinbild- oder Mittelformatbereich. Auf der einen Seite sind sie meistens kompakter, fast immer lichtschwächer und zudem nicht proprietär: Wenn man die Kamera wechselt, kann man entweder die Platinen, auf denen die Objektive montiert sind, wechseln oder sich einen Adapter beschaffen. Letzteres geht vor allem, wenn man von einer Kamera mit Linhof-Technika-Anschluss auf eine Studiokamera wechselt. Für Linhof-Platten haben fast alle Anbieter Adapter im Angebot. Auflagemaße spielen keine Rolle: Der Balgen ist bereits der Adapter dafür. Das Einzige, was passieren kann, ist, dass man z.B. bei einer Sinar für Brennweiten unter 100mm einen Weitwinkelbalgen braucht, der flexibler als der Normalbalgen ist. Das ist allerdings bei den anderen nicht anders. Der wesentliche Vorteil kleinerer Platinen ist demnach: Wenn man zwei Systeme hat, lassen sich die vorhandenen Objektive in Linhof-Platinen einbauen und man kann auf die größere Kamera adaptieren, wie ich das tue.

Die Objektive

Objektive für das Großformat sind sehr interessante Konstruktionen, die einerseits durch ihr Alter an sich bestechen und zum anderen durch ihre konstant hohe Qualität. Das bedeutet, dass ein Objektiv aus den 1950ern kaum schlechter ist als viele der neuen Apochromaten. Die Grenze der Qualität ist nach meinen Erfahrungen eher bei den Filmen zu finden als bei den Linsen. Wer davon mal Vergrößerungen in Meterformaten angefertigt hat, wird das selbst sehen. Bei “Briefmarken” bis etwa 50x60cm dürfte der einzige Unterschied in der etwas geringeren Kontrastleistung bei einigen Optiken aus den 1930er Jahren erkennbar werden. Und das kann man mittels einer gut durchdachten Filmentwicklung kompensieren.

Zeit ist also relativ. Wenn hier also von älteren Linsen die Rede ist, sind damit vor allem Objektive aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg bis in die frühen 1950er Jahre gemeint. Alte Linsen kommen aus der Zeit vor dem Ersten Weltrkrieg. Neuere Linsen lassen sich zeitlich ab etwa Mitte der 1950er Jahre einordnen. Hier werden Zeitdimensionen wirklich eher in Menschenalter gedacht als in Jahrzehnten.

Grundsätzliches

Dann sollte man noch einige andere Dinge kennen. Eines davon ist der Bildwinkel, der bei bestimmten Konstruktionen immer annähernd gleich ist. Bei Normalobjektiven sind das je nach Alter zwischen 70 und 72°, unabhängig von der Brennweite.  Bei älteren oder preiswerteren Objektiven ist der Bildwinkel etwas kleiner.

Grundsätzlich kursieren im Normalbereich nur drei Grundkonstruktionen und Abwandlungen davon. Das sind der symmetrische Gausstyp, der am verbreitetsten ist, das Triplet(eine sehr alte Konstruktion aus dem späten 19. Jahrhundert) und der Tessar-Typ als verbessertes Triplet, der preiswerter ist und meistens einen kleineren Bildkreis bietet. Man muss sich also überlegen, was man kauft. Die Tessar-Typen sind wie die Triplets ziemlich regelmäßig älterer Bauart.

Beispiele für klassische Gausstypen sind die Symmare von Schneider-Kreuznach und die Sironare von Rodenstock. Dazu gibt es noch Nikkor-W und Fujinon-W. Apochromaten der neueren Generation wie das Apo-Sironar-S oder das Symmar ab Version S sind jedoch abgewandelte Sechs- und Siebenlinser und nicht symmetrisch! Für den Einsatz als normale Aufnahmeobjektive ist das nicht relevant. Aber wer eine alte Version kauft, sollte wissen, dass man das hintere Glied des Objektivs auch solo nutzen kann und so zumindest für den Anfang eine weitere lange Brennweite zur Verfügung hat. Der Verlängerungsfaktor liegt sowohl bei Brennweite wie auch beim Balgenauszug und der Belichtung bei 1,8. Das bedeutet, dass die Kamera bei entsprechender Verwendung und von einem Auflagemaß entsprechend der Brennweite ausgehend mit einem 150mm- Objektiv bereits auf 270mm ausgezogen werden muss, um überhaupt auf Unendlich fokussieren zu können. Im Nahbereich können das bei großem Abbildungsmaßstab schnell mal 600mm und mehr werden.

Der zweite verbreitete Typ sind die Weitwinkelobjektive. Beispiele dafür sind das Grandagon von Rodenstock und seine Derivate und die Super-Angulone von Schneider-Kreuznach. Aus Japan gab es mal Nikkor-SW und Fujinon-SW sowie einige weitere Hersteller. Diese Objektive sind oftmals Abkömmlinge der symmetrischen Objektive. Der Bildwinkel liegt meistens bei etwas über 90°.

Zu guter Letzt gibt es noch einige alte Telekonstruktionen wie die Tele-Artone und die Tele-Xenare von Schneider-Kreuznach, die allerdings nur noch gebraucht zu haben sind. Ihr Vorteil liegt vor allem im kurzen Auflagemaß, weniger in den Verstellmöglichkeiten. Deren Bildwinkel liegt bei etwa 35-40°, was bedeutet, dass der Bildkreis kleiner ist und damit weniger Verstellmöglichkeiten vorhanden sind. Die einzigen Telekonstruktionen, die ich nehmen würde, wären die Tele-Xenare. Bei den Artonen ist das Angebot etwas unübersichtlich: Z.B: gibt es vom 5,5/250 zwei Versionen, die ohne genauere Kenntnis nicht unterscheidbar sind. Eines zeichnet nur das 6,5×9-Format aus und das andere reicht für 4×5 inch plus einiger Verstellreserven. Allerdings sind sie auch vorrangig für das kleine Format gedacht.

Zudem sollte man darauf achten, keine Objektive für den Alltagsbedarf zu kaufen, deren Verschluss größer als 3 oder kleiner als 0 ist. Es gab von Deckel mal die Compound-Verschlüsse, die auch in Größen von 4 und 5 gefertigt wurden.Hier mal die wichtigsten Größen: 00: Bohrung in der Platine 26mm. Nur noch mit alten Optiken zu finden. 0: Gängig bei kürzeren Brennweiten bis 150mm. 1: Etwa 150-210 mm. Größe 3: 240-360mm Brennweite.

Das Alter der Objektive

…ist sehr relativ. Grundsätzlich lassen sich Objektive schon fast wie bei den Modelleisenbahnern in Epochen einteilen, an deren Anfang es einen technologischen Quantensprung gegeben hat. Wenn man das so will:

Steinalt: Vor 1900.

Alt: Nach dem Ersten Weltkrieg bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Also bis etwa 1948.

Nicht ganz so alt: Nachkriegszeit von 1948 bis etwa 1970.

Neuer: Alles, was mehrschichtvergütet ist, bis etwa Ende der 1980er Jahre.

Neu: Die Apochromaten wie z.B. die Apo-Symmare wurden erst ab etwa 1990 gebaut.

Digitalzeitalter und wirklich neu: Alles ab etwa Baujahr 2000.

Es ist wichtig zu wissen, dass die APO-Symmare z.B. immer noch auf den Rechnungen der 1950er Jahre basieren. Verbesserungen gab es vor allem beim Bildkreisdurchmesser und bei der Vergütung. Die Abbildungsqualität moderner Objektive muss gerade hier nicht zwangsläufig besser sein, wenn das Objektiv neuer ist. Auch Negative von einem Symmar aus den 1950ern oder einem Angulon aus der Nachkriegszeit sind scharf genug, um wirklich scharfe Abzüge davon anfertigen zu können. Das Problem liegt eher bei den Filmen.

Die Kameraeinstellungen

Eine Großformatkamera erlaubt grundsätzlich zwei Dinge: Man kann beide Standarten meistens schwenken oder neigen, wie man man das bei der Verlagerung der Schärfeebene tut und man kann sie verschieben. Das wiederum geht direkt und indirekt. Letzteres wird vor allem wichtig, wenn man wie z.B. bei der Shen Hao das Rückteil wohl in der Höhe aber nicht seitlich verstellen kann. Studiokameras bieten zudem noch eine Skalierung und Nullrasten, um eine definierte Nullverstellung zu bieten: Das Verhalten der Objektive ist dann dem der starren Kameras entsprechend.

Man beginnt mit der einfachsten Übung, der Verschiebung. Die Abbildung unten zeigt, was passiert, wenn man die Bildebene nach unten verschiebt.

Wie man sehen kann, sollte man eine Verschiebung der Bildebene nur innerhalb des Bildkreises vornehmen. Wenn man das nicht tut, wird die Bildqualität an den Bildrändern schlechter; zuerst gibt es einen Helligkeitsabfall und dann beginnt der Bereich der Unschärfe. Das Ergebnis: Der Horizont im Bild rückt nach oben. Üblicher ist allerdings, die Frontstandarte mit dem Objektiv nach oben zu verschieben.

Eine Studiokamera. Hier eine Sinar F in unverstelltem Zustand.

Nochmal die Sinar, hier mit nach oben verschobener Bildstandarte.

Das kann man direkt an der Standarte selbst tun, aber es ist manchmal fraglich, ob das auch geht: Mit einer Speed Graphic z.B. ist das nur sehr eingeschränkt möglich. Dann kann man zu einer anderen Methode mit denselben Resultaten greifen, die sich indirekte Verschiebung nennt.

Wieder die Sinar. Diesmal indirekt verschoben. Man achte auf die Stellung des Grundrohrs.

Wie bereits erwähnt, ist so ein Unterfangen mit einer Pressekamera wie der Speed Graphic etwas schwieriger bis gar nicht in die Realität umzusetzen. So eine Kamera hat zwar ihre Reize, vor allem finde ich sie schön, aber sobald solche Dinge wichtig werden, muss man andere Kaliber auffahren.

Eine Speed Graphic. Schlechter Zustand. Aber mit dichtem Balgen. Hier in unverstelltem Zustand.

Hier kann man schon erkennen, dass ein paar Hebelchen weniger vorhanden sind, als es bei der Sinar der Fall ist. Die Bildebene kann man gar nicht verschieben und die Objektivebene nur etwa 15mm seitlich und etwa 20mm in der Höhe. Der Grund liegt darin, dass diese Kameras für so einen Einsatzzweck nicht gedacht und damit auch nicht geeignet sind. Wegen ihrer Kompaktheit, ihres manchmal sehr günstigen Preises und des geringen Gewichtes sind sie trotzdem interessant.

Indirekte Verschiebung beim anderen Extrem, der Speed Graphic.

Wie man sehr schön sehen kann, ist hier der Laufboden um ca. 10° nach unten geklappt. Die Frontstandarte lässt sich nach hinten um diesen Betrag neigen.

Schärfeverlagerung nach Scheimpflug

Im Normalfall besitzt ein Großbildobjektiv die Eigenschaft, über einen größeren Bildkreis zu verfügen, als eigentlich für eine normale Aufnahme notwendig erscheint. Das hat allerdings Gründe. Bei einer starren Kamera sieht das so aus wie auf dem Bild unten:

Wie erkennbar ist, gibt es bei einer starren Kamera nur genau eine Ebene, auf die fokussiert werden kann und die auf dem Negativ vollständig scharf erscheint. Das ist die Motivebene, der Bereich, auf den fokussiert wurde. Alles, was sich davor oder dahinter befindet, ist mehr oder weniger unscharf. Die Schärfentiefe steigt mit Abblenden des Objektivs an, aber bei diesem Begriff geht es eher um das, was in den Abbildungen scharf erscheint, nicht darum, was wirklich maximal scharf ist. Die Schärfentiefe hängt wiederum von diesen Faktoren ab: Abbildungsmaßstab: Je kleiner, desto größer ist die Schärfentiefe. Blende: Je weiter geschlossen, desto größer. Entfernung: Je größer, desto größer wird die Schärfentiefe, negativ- proportional zum Abbildungsmaßstab. Und zu guter Letzt: Je stärker das Negativ vergrößert wird, desto kleiner wird wiederum die Schärfentiefe, was immer wieder gern vergessen wird. Zudem gibt es Gelegenheiten, bei denen entweder Abblenden nicht ausreicht, um das Gewünschte scharf zu bekommen oder man will nur einen exakt definieren Bereich scharf erscheinen lassen. Für solche Fälle gibt es die Schärfeebenenverlagerung nach Scheimpflug, die mit einer flexiblen Kamera leichter zu realisieren ist, als das mit einer starren Kamera der Fall ist. Genaugenommen geht das mit jedem Objektiv, dessen Bildkreisdurchmesser größer ist als die Diagonale des Negativs. Bei starren Kameras wie einem Kleinbild- oder Mittelformatmodell braucht man im Regelfall spezielle Objektive, die teurer sein können, als eine komplette gebrauchte Großformatausrüstung.

Bei einer flexiblen Kamera sollte daher der Bildkreis des Objektives so aussehen wie auf der Grafik unten:

Durch den größeren Bildkreisdurchmesser kann man das Objektiv auch noch anders nutzen als bei starren Kameras. Wie bereits ersichtlich ist, ist das Bild kleiner als der Bildkreis des Objektivs. Wir können das Ganze also auch noch etwas anders gestalten und das für unsere Zwecke nutzen. Gehen wir also mal davon aus, dass die Bende offen bleiben soll und wir in einem bestimmten Bereich fokussieren wollen.

Dazu verstellt man die Bild- und die Objektivebene so weit, bis sich ihre verlängerten Achsen mit der verlängerten Achse der gedachten Motivebene in einem Punkt treffen. Zudem kann man das auch noch variieren: Man muss nicht beide Ebenen verstellen, sondern kann das auch mit nur einer tun und zum selben Ergebnis kommen. Im Normalfall wird das zuerst mit der Objektivstandarte versuchen, weil eine Verstellung der Bildstandarte auch zu zusätzlichen Verzerrungen führen kann: Es ist durchaus möglich, ein Auto mit diesem Gestaltungsmittel einen Meter kürzer oder länger erscheinen zu lassen, als es tatsächlich ist. Einen Tischtennisball kann man so auch in ein Ei verwandeln und umgekehrt. Eigentlich ist das eine ganz einfache Verstellung. Aber sie verlangt Übung und Augenmaß. Zudem kann man auch noch in die Gegenrichtung verstellen und so die Schärfe nicht nur in einer Ebene zeigen, sondern genau auf einen Punkt setzen. Das ist das Gegenteil von Scheimpflug, der Anti-Scheimpflug. Mit einer Studiokamera auf einer Optischen Bank geht das immer. Bei Laufbodenkameras können die Verstellmöglichkeiten eingeschränkt sein, vor allem an der Bildstandarte.

to be continued…

 

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